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Museen für diverse Gesell­schaften

Neue Erwartungen und alte Pflichten

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Vortrag
Erwachsene

Scherman Lecture mit Prof. Dr. Thomas Thiemeyer

Im Juni 2026 stimmt der International Council of Museums (ICOM) über einen neuen Code of Ethics ab. Dieser sorgt – wie zuvor schon die ICOM Museumsdefinition – für Kontroversen, weil er die Selbstbeschreibung der Museen grundlegend verändern will. Der neue Text steht exemplarisch für einen grundsätzlichen Perspektivwechsel: Wo sich früher alles um den Schutz der Kunst und der Sammlungen drehte, sollen diese heute größeren politischen Zielen dienen: den Menschenrechten, dem Klima- und Minderheitenschutz, dem Patriotismus oder dem Abbau sozialer Ungleichheiten. Statt um die Dinge geht es heute vor allem um die Menschen; neben das Bewahren von »Kulturerbe« tritt das Zurückgeben von »Raubkunst«; und wo einst die europäische Perspektive auf den Rest der Welt dominierte, sollen »die Anderen« heute eine eigene Stimme bekommen.

Wie ist es zu diesem Perspektivwechsel gekommen und seit wann ist er zu bemerken? Diesen Fragen will Prof. Dr. Thomas Thiemeyer in seinem Vortrag nachgehen. Sein Argument lautet: Der Wandel im Selbstbild der Museen ist Folge eines anderen Blicks auf Gesellschaften, die als divers und nicht mehr als homogen beschrieben werden. In diesen Gesellschaften können Museen und andere sammelnde Kulturinstitutionen nicht mehr ihre alte Rolle als Institutionen spielen, die mehr oder weniger unhinterfragt die großen Meistererzählung einer homogenen Gruppe (z. B. einer Nation) materiell beglaubigen. Die Neucodierung des institutionellen Auftrags ist längst in vollem Gange, und die ethnologischen Museen spielen hierbei eine große Rolle. Da das Thema eng mit Identitätsangeboten und -politiken zusammenhängt, führt es zu politischen Grundsatzkonflikten, die heute als »Kulturkampf« in der öffentlichen Debatte thematisiert werden.

Anmeldung und Preise

Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Der Vortrag wird live über den YouTube-Account des Museums gestreamt.

Der Referent

Dr. Thomas Thiemeyer ist Professor am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen. In Forschung und Lehre beschäftigt er sich mit Themen der Erinnerungskultur, mit Identitätskonstruktionen (Heimatvorstellungen, Identitätspolitiken) und mit den Institutionen der Wissenspopularisierung, allen voran mit Museen, Archiven und Sammlungen. Vor seiner Zeit an der Universität arbeitete er am Deutschen Literaturarchiv Marbach im Projekt wissen&museum und von 2003 bis 2006 als Kurator bei dem Stuttgarter Architekten und Museumsgestalter HG Merz (u.a. Mercedes-Benz-Museum 2006). Zuletzt erschienen von ihm Moralische Anstalt 4.0? Wie das Paradigma der sozialen Gerechtigkeit den Auftrag der Museen neu definiert (in: Arsprototo 1/25) und Geschichte im Museum. Theorie – Praxis – Berufsfelder (UTB 2018).

Lucian Scherman Lecture

Lucian Scherman Lecture

Vier Mal im Jahr laden wir Sie zu Vorträgen ein, die Schlüsselthemen der Ethnologie und Museologie vorstellen. Die Veranstaltungsreihe ist nach Lucian Scherman (1864–1946) benannt, der unser Museum zwischen 1907 und 1933 leitete. Mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft wurde der bekannte Indologe aufgrund seiner jüdischen Abstammung aus dem Amt gedrängt. Seit 2012 erinnern die Lucian Scherman Lectures an diese wichtige Persönlichkeit.

Weitere Vorträge finden Sie im Kalender

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