Gab es während der Vorbereitung einen Moment oder ein Objekt, das Sie besonders bewegt hat?
Patrick Felix Krüger: Mich haben die Pichwais besonders bewegt. Ich habe mich in der Vergangenheit intensiv mit indischer Malerei beschäftigt, und deshalb haben mich diese großformatigen Stoffmalereien mit ihren vielfältigen Motiven und ihrer großen ästhetischen Qualität als Kunsthistoriker besonders angesprochen. Zugleich finde ich faszinierend, wie eng diese Ästhetik und der Ausdruck von »Schönheit« mit ihrer religiösen Funktion und Bedeutung verbunden ist. Bewegend war natürlich auch der erste Besuch im Depot des Museums, bei dem aus der schier unüberschaubaren Vielfalt der Objekte eine erste Auswahl für die Ausstellung getroffen wurde.
Anne Hartig: Besonders bewegt hat mich die Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Zum einen mit Patrick Felix Krüger, mit dem ich über die Objekte und ihre Anordnung nachgedacht habe, zum anderen Kolleginnen und Kollegen aus dem Museum. Man vergisst oft, dass eine Ausstellung nicht über Nacht entsteht und schon gar nicht allein. Im Hintergrund wirken vielen Menschen, wie der Fotograf, die Werkstatt, die Restaurierung, die Reinigungskräfte, die Aufsichtskräfte und die Öffentlichkeitsarbeit, mit und tragen zu dem Gelingen einer Ausstellung bei. Genau das hat mich bewegt, also die Unterstützung in der Realisierung einer Idee durch viele engagierte Menschen.
Was haben Sie selbst durch die Arbeit an der Ausstellung neu über Krishna gelernt?
Anne Hartig: Was uns bei der Vorbereitung der Ausstellung immer wieder überrascht hat, war, wie vielfältig und wandelbar die Vorstellungen von Krishna sind. Wir hatten natürlich beide bereits über Krishna und die Krishna-Verehrung geforscht. Aber je intensiver wir uns mit den Objekten, den historischen Quellen und vor allem auch mit heutigen Formen der Verehrung beschäftigt haben, desto deutlicher wurde, dass es nicht den einen Krishna und auch nicht die eine Form der Krishna-Verehrung gibt.
Patrick Felix Krüger: Wir haben außerdem gelernt, wie stark Krishna bis heute Teil einer sehr lebendigen religiösen Praxis ist. Das war für uns wichtig, weil man bei der Arbeit mit historischen Museumsobjekten leicht in die Perspektive gerät, Religion vor allem als etwas Vergangenes zu betrachten. Die Auseinandersetzung mit Gläubigen und zeitgenössischen Formen der Verehrung hat unseren Blick darauf noch einmal geschärft. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erfahrungen aus der Arbeit an der Ausstellung: Je mehr man sich mit Krishna beschäftigt, desto weniger lässt er sich auf eine einzige Definition festlegen.
Welche Reaktionen des Publikums interessieren Sie besonders?
Patrick Felix Krüger: Mich interessieren besonders die Momente, in denen Besucherinnen und Besucher merken, dass ihre bisherigen Vorstellungen von Krishna oder vom Hinduismus vielleicht zu einfach waren. Wenn eine Ausstellung dazu führt, dass man innehält, etwas Vertrautes plötzlich anders sieht oder sich fragt, warum ein Objekt für gläubige Menschen eine ganz andere Bedeutung haben kann als für uns im Museum, dann finde ich das besonders spannend. Gleichzeitig interessiert mich, wie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen auf die Ausstellung reagieren. Für manche Besucherinnen und Besucher ist Krishna vielleicht aus der eigenen religiösen oder kulturellen Lebenswelt vertraut, für andere ist er zunächst eine völlig unbekannte Figur.
Anne Hartig: Mich interessiert, ob die Ausstellung für beide Gruppen etwas Neues bereithält – und ob sie vielleicht sogar miteinander ins Gespräch kommen. Und natürlich interessieren mich auch kritische Reaktionen. Eine Ausstellung über eine lebendige religiöse Tradition kann und soll Fragen aufwerfen: Wie stellen wir Religion im Museum dar? Was passiert mit einem religiösen Objekt, wenn es zum Exponat wird? Und wo liegen die Grenzen zwischen kultureller Vermittlung und Vereinfachung? Diese Fragen sind für Kuratorinnen und Kuratoren von zentraler Bedeutung. Wenn Besucherinnen und Besucher die Ausstellung mit solchen Fragen verlassen, wäre das für mich eine sehr gelungene Reaktion.
Wenn die Besucherinnen und Besucher nur eine zentrale Erkenntnis aus der Ausstellung mitnehmen sollen – welche wäre das?
Anne Hartig: Wir würden uns freuen, wenn die Besucherinnen und Besucher aus der Ausstellung die Erkenntnis mitnehmen, dass die Auseinandersetzung mit uns vermeintlich »fremden« Kulturen und Religionen ein Gewinn sein kann. Sie eröffnet neue Perspektiven und kann dazu beitragen, vertraute Vorstellungen zu hinterfragen und den eigenen Blick auf die Welt zu erweitern.
Patrick Felix Krüger: Gleichzeitig möchten wir den Besucherinnen und Besuchern vermitteln, dass hinduistische Traditionen sehr vielfältig und komplex sind und sich nicht auf einige wenige, häufig vereinfachte Vorstellungen reduzieren lassen. Vielleicht nimmt der eine oder die andere aus der Ausstellung auch die Neugier mit, sich weiter mit diesen Traditionen und ihrer lebendigen Gegenwart zu beschäftigen.