Tagung: Immaterielles Kulturerbe – interdisziplinär betrachtet

Plakat: Tagung Immaterielles Kulturgur 2019

Wer eine Definition des immateriellen Kulturerbes sucht, kann in verschiedenen Texten fündig werden, nicht zuletzt in dem UNESCO Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes aus dem Jahr 2003. Der Text hat einer erweiterten Wahrnehmung des Kulturerbes Aufschwung gegeben, die zu einer gewissen Befreiung der Materialität geführt hat. Die Vielfalt der lebendigen Traditionen und Ausdrucksformen wurde formell im Völkerrecht anerkannt. Das immaterielle Kulturerbe hat somit eine Sichtbarkeit und einen Platz auf dem internationalen Parkett erworben. Gleichzeitig hat das von der UNESCO eingeführte Listenprinzip Abgrenzungs- und Zuordnungsfragen angeregt, die beim Prozess der subjektiven Wertung eine Rolle spielen und zu einer Konstruktion und einer Hierarchisierung des kulturellen Erbes führen können.

Knapp fünfzehn Jahre nach der Verabschiedung des Textes durch die UNESCO Generalversammlung und im Anschluss an das europäische Jahr des Kulturerbes mag die Frage gestellt werden, wie die Ethnologen, die Museen, die Administration/Verwaltung und die Rechtswissenschaft mit dem neu eingeführten semiotischen Kulturbegriff, der Qualifizierung der lebendigen Traditionen, den neuen Machtverhältnissen sowie den Einschliessungs- und Ausgrenzungsprozessen umgehen. Das Museum Fünf Kontinente und die Professur für Werte von Kulturgütern und Provenienzforschung am Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität, in Zusammenarbeit mit Partnerinstitutionen aus Frankreich und den Förderern, möchten den Austausch zwischen den Fachbereichen fördern und laden zur Diskussion ein.

Aus Sicht der Rechtswissenschaft wird die Umsetzung des Übereinkommens ins französische und deutsche Recht vergleichend präsentiert, indem die Dynamiken in den gesetzgeberischen und organisatorischen Tätigkeiten analysiert werden. Es werden die semantischen Neuerungen im Rechtssystem sowie die gegründeten Einheiten und Zuständigkeiten – unter Berücksichtigung der nationalen Besonderheiten im Kulturwesen und der unterschiedlichen Zeitspanne seit Beitritt [Deutschland 2013, Frankreich 2006] – thematisiert: Wenn auf den ersten Blick eine scheinbare grenzüberschreitende Einheit herrschen mag, die aus der dem Übereinkommen nahen Umsetzung entstanden ist, lässt eine vertiefte Untersuchung eine Vielfalt an juristischen Angelegenheiten und an Austausch zwischen den Rechtsgebieten zum Vorschein kommen. Auch bei der Inventarisierung und der Förderung fallen Besonderheiten auf, die über die nationalen Eigenheiten hinausgehen und zum Aufbau eines idealen nationalen Bildes beitragen können.

Die Ethnologie befasst sich schon seit dem 19. Jahrhundert mit der Dokumentation und Forschung zu immateriellem Kulturgut. Dass gerade Museen hierfür eine wichtige Institution darstellen, erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich, da sie sich zunächst einmal mit materieller Kultur beschäftigen. Tatsächlich lässt sich aber gerade im Forschungsprozess vor Ort immaterielle Kultur sehr häufig über eng mit ihr verknüpfte Objekte erheben. Hinzu kommt, dass Dokumentationsmedien, etwa Tonträger, oft ihren endgültigen Platz in Museen finden und dort auch nach langen zeitlichen Abständen zu neuen Forschungsfragen abgerufen werden können. So bilden sie Archive, die auch und gerade den Vertretern der Herkunftsgesellschaften der in den Museen bewahrten Objekte und Tonträger Zugang zu Formen ihres historischen immateriellen Kulturguts ermöglichen, welche aus verschiedensten Gründen vor Ort nicht bewahrt werden konnten. Wie entsprechende Kooperationen zeigen, führt dies zu einem für alle Seiten fruchtbaren Dialog.

Die Organisator*innen der Tagung möchten somit einen Austausch zwischen Forscher*innen, Kurator*innen und Publikum anregen, der über die Fachgrenzen hinaus wirken soll und einen Beitrag zum Verständnis, zum Zugang und zur Erhaltung dieses flüchtigen Erbes leisten.

Veranstalter: Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München & Museum Fünf Kontinente

Datum
7. März 2019,
9 bis 17.30 Uhr

Anmeldung bis 3. März
obligatorisch per Email bei
Jana Raspotnig

Aus organisatorischen Gründen ist die Teilnehmerzahl begrenzt. Die Akkreditierung erfolgt nach der Reihenfolge der Anmeldungen.