• Karin Guggeis, Albert Gouaffo und Yrine Machinda vor einer afrikanischen Reliquiarfigur
  • Chinesisische Figur, Gegenstand der Provenienzforschung
  • Halskette von den Marshall-Inseln
  • Samoanischer Familien-Matai mit Foto seiner Vorfahrin in Deutschland

Provenienzforschung

Im Rahmen der Provenienzforschung setzen wir uns mit der komplexen Geschichte unserer Sammlungen auseinander. Hier informieren wir Sie über Projekte, die wir auf diesem Gebiet durchführen oder an denen wir beteiligt sind. 

Auch finden Sie auf dieser Seite weiterführende Links zu unseren Inventarbüchern bis 1959. Als wichtige historische Quellen, die den Eingang von Objekten dokumentieren und Einblick in die Sammeltätigkeit unseres Hauses geben, möchten wir sie der Forschung und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen. Erwerbungen, die in kolonialen oder NS-verfolgungsbedingten Kontexten stehen, können so überall auf Welt unabhängig recherchiert und geprüft werden. 

Ermöglicht wurde die aufwändige Digitalisierung der Inventarbücher des Museums Fünf Kontinente durch eine Förderung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst.

  

 

Logo des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste          Logo des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst


Der ´Blaue-Reiter-Pfosten´ und die Sammlung Max von Stettens (1893–1896) aus Kamerun im Museum Fünf Kontinente München

Gefördert durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste, Bereich koloniale Kontexte, und durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, Förderzeitraum 1. November 2019 bis 31. Oktober 2021. 

Gesamtprojektleitung: Dr. Karin Guggeis, Museum Fünf Kontinente, München.

Koordination Kamerun: Prof. Dr. Albert Gouaffo, Université de Dschang, Kamerun.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin (frankophone Regionen Kameruns): Yrène Matchinda und Lucie Mbogni Nankeng, Université de Dschang.

Wissenschaftlicher Mitarbeiter (anglophone Regionen Kameruns): Prof. Dr. Joseph Ebune, University of Buea. 

Ziel des Projekts ist eine möglichst detaillierte Erforschung des Erwerbs der Sammlung Max von Stettens, die aus der frühen Phase der Inbesitznahme Kameruns durch das Deutsche Kaiserreich stammt und sich seit den 1890er-Jahren im Museum Fünf Kontinente befindet. Das prominenteste Objekt dieser Sammlung, das seit Jahrzehnten immer wieder solitär ausgestellt wurde, ist der sogenannte „Blaue-Reiter-Pfosten“, der bereits im Almanach „Der Blaue Reiter“ von Franz Marc und Wassily Kandinsky abgebildet ist.

Im Vordergrund des Projekts steht die Frage nach der Art der Erwerbssituationen und den Erwerbungsorten der über 200 Objekte umfassenden Sammlung bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Positionen und Aktivitäten des Sammlers, der bei den letzten Teilsammlungen Kommandeur der dortigen „Schutztruppe“ war. Exemplarisch soll zudem an der Person Max von Stetten und der von ihm zusammengetragenen Sammlung die geteilte Geschichte zwischen Deutschland und Kamerun in dieser frühen Phase kolonialer Expansion erarbeitet werden.

Ein wesentlicher Bestandteil des Forschungsprojekts ist eine intensive Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Partnern*innen in Kamerun und dortigen Herkunftsgemeinschaften, deren Realisierung dem Museum Fünf Kontinente ohne die Förderung durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste und das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst nicht möglich wäre.

 

 

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Hintergründe und Provenienzen von Erwerbungen chinesischer Kunst aus sogenannten „Judenauktionen“ in Berlin 1935 – Ein Projekt zur Provenienzforschung

Gefördert durch die Arbeitsstelle für Provenienzforschung (AfP), Berlin (übergegangen in Deutsches Zentrum für Kulturgutverluste) und durch das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst von März 2014 bis Mai 2016, durchgeführt von Dr. Ilse von zur Mühlen

Vor dem Hintergrund einer Restitutionsforderung zu drei altchinesischen Objekten, die das damalige Museum für Völkerkunde (heute Museum Fünf Kontinente) 1935 auf einer Auktion bei Paul Graupe in Berlin sowie nach 1945 durch Tausch und Kauf erworben hatte, erforschte Dr. Ilse von zur Mühlen im Auftrag des Museums Fünf Kontinente die Vorprovenienzen und Hintergründe der Erwerbungen. Begleitet wurde das Projekt von Dr. Bruno J. Richtsfeld, dem Leiter der Abteilung Inner-, Nord- und Ostasien des Museums Fünf Kontinente, der im Vorfeld weitere 37 Objekte aus demselben Versteigerungsbestand feststellte. Zu überprüfen war, ob die Objekte im Sinne des Washingtoner Abkommens von 1998 als NS-verfolgungsbedingt entzogen einzuschätzen waren.

Die in Frage stehenden 40 Inventarnummern wurden 1935 in Berlin durch das Auktionshaus Paul Graupe während zweier Auktionen als Ware der Kunsthandlung Dr. Otto Burchard & Co. GmbH in Liquidation versteigert. Die Kunsthandlung gehörte zu dem internationalen Kunsthandelskonzern Margraf & Co. GmbH, dessen Geschäftsanteile den langjährigen Mitarbeitern Jacob und Rosa Oppenheimer 1929 als Vermächtnis zugesprochen worden waren. Das Ehepaar Oppenheimer wurde in der Zeit des NS-Regimes von Beginn an verfolgt. Beide waren jüdischen Glaubens und gingen bereits im April 1933 ins Exil nach Frankreich: Jacob Oppenheimer starb 1941 infolge einer Internierung durch die Franzosen, Rosa Oppenheimer wurde 1943 in Auschwitz ermordet.

Die Recherchen ergaben, dass die oben genannte Versteigerung infolge einer bereits seit 1929 bestehenden Überschuldung der Kunsthandelsgesellschaft durch riskante Handelsgeschäfte und die Aufnahme von Krediten beim Berliner Bankhaus Jacquier & Securius stattfand. Die Versteigerung erfolgte nicht aufgrund einer hoheitlichen Maßnahme der NS-Behörden, sondern als Folge einer Sicherungsübereignung durch die Bank und aufgrund eines einvernehmlich gezeichneten Versteigerungsvertrags zwischen dem (jüdischen) Versteigerer Paul Graupe, dem (jüdischen) Bankhaus Jacquier & Securius sowie dem gleichfalls jüdischen Geschäftsführer des Margraf-Konzerns, Ivan Bloch, einem der Schwiegersöhne des Ehepaars Oppenheimer. Die Forschung zeigte, dass auf den Versteigerungen angemessene Preise erzielt wurden. Aus dem Erlös wurden nachweislich sämtliche Kreditschulden bei dem Bankhaus beglichen. Der verbliebene Teil wurde offensichtlich ausbezahlt, nach einem Vermerk im Buchprüfungsbericht der Bank von 1938 heißt es: „Der Mehrerlös floß Margraf zu.“ Die gleichfalls 1929 fällig gewordene Erbschaftssteuer wurde 1938 auf etwa die Hälfte reduziert, der Rest der Steuerschuld durch die Haupterbin gezahlt, während der Anteil von Jacob und Rosa Oppenheimer niedergeschlagen wurde.

Diese Forschungsergebnisse führten zu dem Schluss, dass nicht von einem NS-verfolgungsbedingten Entzug durch die Versteigerung auszugehen ist. Dieses Ergebnis wird gestützt durch eine Entscheidung des Spoliation Advisory Panel (SAP), London, vom 16.09.2015, in der die Versteigerung der Kunstwerke des Konzerns Margraf & Co. weder als NS-Zwangsverkauf noch als Versteigerung unter Wert beurteilt wird. Dem SAP zufolge könne sich der Antragsteller auch nicht auf einen „moralischen Anspruch“ berufen, so dass weder eine Rückgabe noch eine freiwillige Zahlung gerechtfertigt sei.

 

Logo des Pacific Presences Project, Cambridge

Pacific Presences Project, Cambridge (UK)

"Max Biermann (1856–1929) auf den Marshall-Inseln"

Gefördert vom Museum of Archaeology and Anthropology in Cambridge (UK), durchgeführt von Dr. Hilke Thode-Arora

Wir freuen uns, dass unsere Kollegin Dr. Hilke Thode-Arora für ein weiteres Projekt zur Provenienzforschung ein mehrjähriges Stipendium vom Museum of Archaeology and Anthropology in Cambridge erhalten hat. Sie wird als Research Fellow unsere aus der deutschen Kolonialzeit in der Südsee stammende, vom Kaiserlichen Kommissar Max Biermann (1856–1929) auf den Marshall-Inseln zusammengetragene ethnographische Sammlung wissenschaftlich bearbeiten und kontextualisieren. Das Stipendium ist Teil des vom Europäischen Forschungsrat geförderten Projekts „Pacific Presences“: Unter Leitung des Museums in Cambridge werden europaweit Ozeanien-Sammlungen aus Mikronesien und Melanesien dokumentiert, interdisziplinär untersucht sowie aus europäischer und pazifischer Sicht kontextualisiert.

 

 Fritz Thyssen Stiftung Logo

Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung

Die Kontextualisierung der Samoa-Sammlung aus deutscher und samoanischer Perspektive

Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung von 2010 bis 2014, durchgeführt von Dr. Hilke Thode-Arora

Rund zwei Drittel der Samoa-Bestände des Museums Fünf Kontinente wurden über den Ethnographica-Händler und Völkerkschau-Impresario Carl Marquardt erworben. Sein Bruder Fritz lebte viele Jahre lang auf Samoa; der westliche Teil der Inselgruppe war von 1899 bis 1914 Kolonie des deutschen Kaiserreichs. Mit den Schaustellungen kamen zwischen 1895 und 1911 drei Gruppen meist ranghoher Samoaner nach Deutschland, welche in Deutschland und München Geschenke mit gekrönten Häuptern und anderen Würdenträgern tauschten. Die Geschenke an die Vertreter des bayerischen Königshauses sind heute ebenfalls Bestandteil der Sammlung des Museums Fünf Kontinente.

Zur Kontextualisierung der historischen und kulturellen Umstände dieser Völkerschauen und der daraus resultierenden Sammlungen wurden nicht nur Archivalien in europäischen, samoanischen, neuseeländischen und australischen Archiven gehoben, sondern auch Interviews mit Nachfahren der samoanischen Völkerschau-Reisenden geführt. So konnten erstmalig samoanische Perspektiven sowie mündliche Überlieferungen zu den Völkerschauen und den Sammlungen dokumentiert werden. Im Gegensatz zu den gängigen westlichen Anschauungen über Völkerschauen, die eher eine Opferperspektive der Teilnehmer betonen, zeigte sich eines der Ergebnisse des Projektes, dass samoanische Würdenträger sehr bewusst und mit politischem Kalkül an den Völkerschau-Reisen nach Deutschland teilnahmen und während ihrer Zeit in Europa in ständigem Austausch mit Samoanern auf der Inselgruppe standen.

Das Forschungsprojekt war das einzige aus dem Bereich Ethnologie, das von der Fritz Thyssen Stiftung 2010 genehmigt und 2012 verlängert wurde. Es resultierte in der 2014 im Museum gezeigten Ausstellung „From Samoa with Love? Samoa-Völkerschauen im Deutschen Kaiserreich. Eine Spurensuche“ sowie einem Buch in deutscher und englischer Sprache.

Die Ausstellung wurde vom Staatsoberhaupt von Samoa eröffnet und von ihm als Schirmherr begleitet. Für eine eigene Ausstellungseinheit konnte der samoanischstämmige Künstler Michel Tuffery gewonnen werden, der mit seinen Werken die samoanisch-deutsche Geschichte und die Samoa-Völkerschauen kritisch kommentierte.

Ausstellung und Publikation fanden große Resonanz in Samoa und den samoanischen Diaspora-Gemeinschaften. Sie haben dort eine nähere Beschäftigung mit dem Thema der Völkerschau-Reisen sowie die Öffentlichmachung weiterer mündlicher Überlieferungen zum Deutschland-Aufenthalt der Vorfahren angestoßen.